DIE SUBSTANZ

STORY

FAST WIE EINE EWIGKEIT

 

Es war ein trüber März als das Substanz erstmals so ganz offiziell seine Pforten öffnete. Nun, 25 Jahre später, versorgt der Club die Münchner immer noch mit einer vollen Dröhnung an Kultur. Zugegeben man kann sich darüber streiten, ob nun Club, Kneipe oder Wohnzimmer die richtige Bezeichnung ist, aber eins steht fest, passiert ist viel seit 1990. Also lassen Sie uns einfach mal einen Blick zuwerfen.

 

Inspiration für das Konzept „Substanz“ holten sich Jürgen Franke und sein damaliger Studienkollege und Kompagnon Frank Bergmeyer, der 1996 ausstieg, vom Circus Gammelsdorf. Das Prinzip war denkbar einfach: jede Menge Live-Konzerte veranstalten, und das am besten mitten in der Stadt. Franke kann sich noch gut an den 12. März 1990 und die US-Grunge-Band Screaming Trees erinnern: „Plötzlich stand eine lange Schlange vor der Tür. Gerechnet hatten wir gerade mal mit 40 Besuchern. Es kamen aber 200.“ Es sollten noch viele folgen. Bis heute fanden weit über 1000 Konzerte im Substanz statt. Standen in den Anfangsjahren hauptsächlich internationale Bands auf dem Programm, so änderte sich das über die Jahre, da weitere Liveclubs die Münchner Szene bereicherten. Bis Mitte/Ende der 90er gaben sich Größen wie Wilco, Monster Magnet, Lambchop, Urge Overkill, Therapy? oder Jesus Lizard hier die Klinke in die Hand. Auch wenn die städtischen Vorschriften heute dafür sorgen, dass Konzerte bereits um 22 Uhr enden müssen, zählt das Substanz nach wie vor zu den beliebtesten Livebühnen der Stadt.

 

Anekdoten gibt es zuhauf.

So erzählen „The Charlatans“ (UK) bis heute, dass ihr Gig im Substanz 1994, eines ihrer besten Konzerte in Deutschland war. Der Laden war rappelvoll. Die ravenden Menschenmassen bewegten sich wie Riesenwellen und feierten die Band ohne Ende. Das sind Momente, auf die Jürgen bis heute stolz ist. Gut zwei Jahre später, 1996, kam mit Downset eine der wichtigsten und bekanntesten Crossover-Bands der USA ins Substanz. Vor dem Auftritt spielte die Band noch mit Klappmessern herum, dann live on Stage ging sie wie wild ab. Der Bassist sprang so extrem herum, dass er durch den Bühnenboden krachte. Am Ende erinnerte ein fassgroßes Loch im Boden an den wilden und denkwürdigen Auftritt der US-Amerikaner. 1998 gaben dann die Sportfreunde Stiller eines ihrer ersten ausverkauften Konzerte in München. Für die Sportis war das Substanz schon damals cool. Es war kein Freizeitheim, sondern ein Rockschuppen.


Mit der Eröffnung des Kunstparks Ost 1996 veränderte sich auch etwas im Münchner Nachtleben. Plötzlich zog es viele hinaus aus der Stadt Richtung Ostbahnhof. Das bekamen viele Innenstadt-Clubs zu spüren. Der nebenan gelegene Stromlinien-Club musste schließen. Plötzlich war man ganz allein in der Diaspora zwischen Schlachthof und Sendling. So hieß es dann „Back to the Roots“ und man setzte auf die Münchner Nachwuchsszene. Schon das erste Konzert am 10. März 1990 mit den Bands „First Things First“, „No No Yes No“ und „Evil Horde“wurde ausschließlich von lokalen Bands bestritten. Auch wenn Jürgen eher den Grunge bevorzugte, war die Punk-Szene häufig zu Gast. So kam der Club zu seinem rauen, düsteren Image als verrauchter Underground-Laden. Zu dieser Zeit blühte die Subkultur in München!

 

Das mit der Subkultur ist sowieso so eine Sache. Heute gibt es nur noch Labels wie Trikont, Gut Feeling, Flowerstreet Records, Das Weiße Pferd oder die Glockenbachwerkstatt, die für eine gewisse Underground-Szene stehen und das hochhalten. Auch wenn die Subkultur weniger geworden ist in München, so pflegt das Substanz diese nach wie vor und gibt Künstlern wie Bands eine Chance sich zu verwirklichen. Mit dem Internetradiosender Substanz FM wurde ein zusätzliches Forum zur Verbreitung von Kultur geschaffen, vor allem lokaler. Independent ist hier das Zauberwort. Das galt seit jeher auch für die zivile Preispolitik bei Bier, Cocktails & Co.

Club- und Radio-Chef (Substanz FM) greift immer noch gerne zum Plattenteller.

(c) Volker Derlath

S.A.U. - Substanz Allstars United, die Hausband mit namhaften Musikern

(c)Substanz Presse

Der Substanz Club an einem Samstag

(c)Substanz Presse / Maren Willkomm

Ein besonderer Zauber brachte dann 2002 den Wendepunkt. Und der hieß: Brauerei frei! Good Bye Memminger Bräu, willkommen Augustiner. Der Wechsel erfreute nicht nur den Münchner Bräu, sondern auch zahlreiche Stammgäste und Besucher. Gleichzeitig verabschiedete sich das Substanz von seinem düsteren, dunklen Look und setzte auf helle Farben wie Orange und Hellblau. Darüber hinaus bekam der Club in den Sommermonaten immer wieder eine spezielle Deko verpasst, für die Künstler wie Ruth Jäger oder Herr Karl verantwortlich zeichneten. Ob Haifisch-Bar, Cotton Club oder „Summer of Love“, das Publikum liebt diese Metamorphosen und ist immer wieder gespannt auf die neuen Meisterwerke. Aktuell ist eine brasilianische Regenwald-Deko inszeniert.


„Wir sind unkonventionell!”.

 

Das Konzept funktioniert. Das beweisen auch die verschiedenen Clubabende. Hier gleicht kein Abend dem anderen, und das ist gut so. Denn dadurch bewegt sich auch einiges beim Publikum. Interessant ist dabei, dass das Durchschnittsalter bei 25 bis 30 liegt, und das von Anfang an. Gleichzeitig ist aber die Bandbreite stark gewachsen. Im Substanz trifft man Studenten genauso wie junge musikinteressierte Leute, English Comedy Fans oder Kulturschaffende.
Absolut legendär: die After-Wiesn-Partys. Lange bevor andere Clubs die Wiesn für sich entdeckten, ging’s hier nach dem Zapfenstreich schon richtig hoch her. Bis heute reicht die Warteschlange zuweilen bis vor zur Lindwurmstraße. Apropos Zugpferd: Nicht weg zu denken ist auch der Poetry-Slam im Substanz. Seit 19 Jahren trifft sich hier die Elite der Wortkünstler. Mittlerweile ist er Europas größter und präsentiert allmonatlich die besten internationalen und nationalen Slammer.


Ein harter Einschnitt in die Club-Politik folgte 2008 mit der Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes. Bevor es wieder aufgehoben wurde, dann aber ab dem 1. August 2010 als härtestes Nichtrauchergesetz Deutschlands zurückkam, mutierte das Substanz vorübergehend zum Raucherclub.
Ende 2014 folgte ein weiterer, aber nur kurzer Schicksalsschlag. Nach 20 Jahren Fußball-Kneipen-Kultur – zur WM wurde da schon mal Rollrasen verlegt oder ein ganzes Tor eingebaut – verabschiedete man sich gezwungenermaßen vom runden Ball. Die Forderungen seitens Sky waren so astronomisch, dass eine Refinanzierbarkeit nicht mehr gegeben war. Wieder einmal gilt: „Back to the Roots“, sprich nur Fußball im Free-TV wird live übertragen. 2015, nach etlichen Gesprächen, konnte man sich dann mit Sky einigen und seit dem rollt der Balle wieder bei Bundesliga, Champions League & Co. über die Großbildleinwand.


25 Jahre Substanz, das sind Club-Konzerte, Kleinkunst-Veranstaltungen, Comedy-Reihen, Poetry-Slam und vieles mehr. Das Substanz ist zur Marke für München geworden. Und das vollkommen unabhängig. Im Laden steckt ein Vierteljahrhundert Herzblut und vor allem eines: ein Konzept, das von seiner breiten Mischung lebt – mal Club, mal Kneipe, mal Kleinkunst-Bühne. Fragt man Jürgen Franke, ob er alles wieder so machen würde, wenn er die Wahl hätte, dann lautet seine Antwort: „Auf jeden Fall. Nur: Nicht mehr in einem Wohnhaus. Die Zugeständnisse an die Bewohner haben letztendlich die Umsetzung des ursprünglichen Gesamtkonzepts verhindert.“

Umso bemerkenswerter ist es, was der Substanz-Chef in 25 Jahren aus dem Club gemacht hat. Bleibt nur zu hoffen, dass diese Stätte der Unabhängigkeit, der Subkultur und des großen Partyspaß den Münchnern noch viele Jahrzehnte erhalten bleibt. Denn München verträgt durchaus eine kräftige Portion unangepasster Substanz.


Autoren: Niklas Kolell/Amadeus Danesitz

Substanz Club - Ruppertstr. 28 - 80337 München

Mo-Do 20-2 Uhr / Fr-Sa 20-3 Uhr / So 20-2 Uhr

MVV: U3/6 Poccistraße – Bus 62 - Nachtline N40 / 41

© 2019 by SUBSTANZ CLUB

  • Facebook Social Icon
  • Instagram Social Icon
Tegernsee_Bier
thomas-henry-ginger-beer
becks
afri_cola_signet_kronkorken_auf_schwarz.
Hopf_Logo
kocher
JD_Guitarneu_Logo
oekostrom-polarstern